Symbole Deutscher Märchen 2

Symbole Deutscher Märchen 2

Rotkäppchen und der böse Wolf

Rotkäppchen KabbalaAuf dem kabbalistisch spirituellen Weg arbeiten wir mit Prinzipien, welche uns ein tieferes Verständnis vom Symbolgehalt der Geschichten und Mythen ermöglichen. Ein typisch deutsches Märchen soll hier auf eine mögliche Deutungsweise an Hand des Lebensbaumes erörtert werden. Zu diesem Zweck werden das Mond- Venus- und Marsprinzip hauptsächlich zur Erläuterung herangezogen.

Die drei weiblichen Personen im Märchen lassen sich sowohl dem Venus- als auch dem Mondprinzip zuordnen, welche miteinander verbunden sind. Wir finden hier die mütterlich umsorgende warnende Liebe, die noch junge naive und die großmütterliche Liebe. Gleichzeitig stellen die drei Frauen drei Aspekte der Entwicklungsphasen einer Frau dar, welche üblicherweise mit den Mondphasen verglichen werden. Die Jungfrau (Neumond), die gebärfähige Mutter (Vollmond) und die wissende alte, sterbende Frau (abnehmender Mond). Dies verdeutlicht die transformative Kraft des Mondes auf der physischen Ebene. Im Lebensbaum wird der Mond der Sephirah Yesod, dem Fundament und Eingang zum Mystischen zugeordnet – dazu zählen auch Mondgöttinnen wie Artemis, Hekate, Isis und Diana (Rubenstein, 2015). Die Verbindung des Venus- und Mond-Prinzips wird im Lebensbaum durch den 28. Pfad dargestellt der Yesod (Mond) mit der Sephirah Netzach (Venus) verbindet. Letztere hat einen starken Bezug zur Emotionalität und Intuition, welche als für Frauen leichter zugänglich gilt.

Der Wolf lässt sich auch mit dem Mond verbinden, so heulen Wölfe bekanntlich den Mond an und der Werwolf verwandelt sich nur bei Vollmond. Der Wolf und der Jäger stehen zudem durch die Göttinnen Artemis und Diana mit dem Mond in Verbindung, welche als Mondgöttinnen der Jagd zugleich auch dem Schutz der Wildnis galten.

Die alte Weisheit in Form der Großmutter ist im Märchen krank und schwach und steht somit symbolisch dem jungen Rotkäppchen noch nicht in Form des inneren Erfahrungswissens zur Verfügung. Rotkäppchen hat auf seinem Weg zur Großmutter lediglich die Warnung seiner inneren Mutter und seines neugierigen kindlich-gutgläubigen Herzens. Es scheint somit das gefundene Fressen für den Wolf, ebenso wie die alte kranke Weisheit, welche zu schwach ist, um selbst die Tür aufzumachen und den Feind bereitwillig ins Haus zu bitten. Beide landen im Bauch des Wolfes.

Erst der Jäger befreit sie aus dessen Leib. Der Jäger steht hier für einen wichtigen Aspekt der Transformation, wie ein Geburtshelfer, für die Wiedergeburt des Rotkäppchens und der Großmutter, schneidet er die beiden Frauen aus dem Bauch des Wolfes. Dem Mars-Aspekt des Jägers kommt somit die Rolle des „Erlösers“ aus der Gefangenschaft im Leibe des Tieres zu. Womit eine Brücke zum Sonnenprinzip entsteht, welches dem Christus Prinzip zugeordnet wird. Der Jäger wird zum Richter zum Vollstrecker der ausgleichenden Gerechtigkeit in dem er den Wolf nach der Befreiung der beiden Frauen tötet. Dieser richterliche Mars-Aspekt ist der Sephirah Geburah, welche auch Stärke und Strenge genannt wird zugeordnet. Sie ist über den 22. Pfad von Lamed, auf dem man den höheren Willen erfährt, mit der vermittelnden Sonnensphäre von Tiphareth verbunden. Rotkäppchen und die Großmutter können aus der Dunkelheit im Leibe des Wolfes wieder ans Tageslicht und feiern danach mit dem Jäger, bei einem Mahl mit Wein und Kuchen. Schließlich kehrt die geläuterte Tochter (Seele), nach Hause zur Mutter zurück, wo sie freudig empfangen wird. Auch die alte Weisheit (Großmutter) hat nach dieser Erfahrung neuen Schwung.

Die reine kindliche Liebe, welche alles glaubt, braucht die alte Weisheit und den Verstand, um auf ihrem Weg voran zukommen und die Verführungen, welche ihr auf ihrem Weg begegnen zu durchschauen. Gleichzeitig braucht das alte Wissen auch die Belebung durch kindliche Neugier, den inneren Forscherdrang und kindliches Gottvertrauen, um nicht zu erstarren und trotz der Kenntnis über das Wesen der Verführung und der Täuschung dem unser eigener Verstand in der Sephirah Hod (Merkurprinzip) gerne unterliegt, voran zu schreiten und nicht stets das Schlimmste zu erwarten. Dies wiederum erfordert den Mut zum Fehler, zum Fallen und wieder Aufstehen, weil nur durch diesen gelernt werden kann.

Für den spirituellen Schüler bedeutet dies auch, dass er den Mut haben muss, sich in den dunklen Wald zu wagen. Er muss bereit sein seine wilde Natur zu erkennen und wenn nötig, sich auch mit Haut und Haaren von seiner Dunkelheit, seiner Arglist, seinem inneren Wolf fressen zu lassen, um letztendlich seine Selbsttäuschung überwinden zu können und weiser zu werden. Dann kann er eines Tages mitten unter wilden Tieren seine wilde Natur bezähmen, da er sie zuvor angenommen, akzeptiert und erfahren hat. Dies gelingt mir allerdings nur, wenn ich den festen Glauben und die Hoffnung habe, dass er auch alle anderen zu seiner Erlösung aus dem Leib des Tieres notwendigen Kräfte und Prinzipien in sich trägt. Es gelingt ihm nur, wenn er bedingungslos alle seine Aspekte achtet und sie mit einem liebenden Herzen betrachtet und sich dem höheren Willen unterordnet.